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Foto: Streuobstwiese (© van Nahmen)

Streuobstwiesen – ökologisch wertvoll, ökonomisch modellhaft

Streuobstwiesen sind ein wichtiger Teil der gewachsenen Kulturlandschaft, nicht nur in Deutschland. Sie haben eine herausragende Rolle für den Erhalt der Artenvielfalt und sind wichtiger Genpool für die Züchtung. Mehr als 3.000 Tier- und Pflanzenarten und über 1.000 Obstsorten sind im Lebensraum Streuobstwiese zu finden.

Leider sind Streuobstbestände stark bedroht und werden vom Bundesumweltministerium in der Roten Liste für gefährdete Biotoptypen sogar als „von vollständiger Vernichtung bedroht“ aufgeführt. In Nordrhein-Westfalen sind Streuobstwiesen nicht mehr so prägend wie z. B. in Süddeutschland und dort besonders in Baden-Württemberg. Aber bis in die 1950er Jahre gehörten sie im Rheinland und in Westfalen zum selbstverständlichen Landschaftsbild. Seit den 1960er Jahren ging ihre Zahl dann jedoch, auch aufgrund von Rodungsprämien der damaligen EWG, sehr stark zurück (Ende der 1960er Jahre bis 2009 um ca. 74 %).

Dabei ist das Obst der Streuobstwiesen aufgrund seines Sortenreichtums und besonders durch viele alte Sorten auch für die Lebensmittelbranche relevant. Zwei Mitgliedsbetriebe des Ernährung-NRW e. V. arbeiten sogar sehr erfolgreich mit Streuobst. Die Obstsaftkelterei Möller in Recklinghausen nimmt als Lohnmosterei in der Erntezeit am Stammsitz und an 18 externen Annahmestellen das Obst von privaten Anlieferern und Bauern entgegen, um es zu Obstsäften zu verarbeiten. Lohnmosterei bedeutet hierbei, dass die Lieferanten für ihre Rohware im Tausch dann gekelterten Obstsaft oder Warengutscheine erhalten. Die Qualität der Rohware ist dabei für Geschäftsführer Josef Möller unstrittig: „99 Prozent unserer Zulieferer bauen quasi nach ökologischen Standards an, auch wenn sie nicht mit dem Bio-Siegel arbeiten dürfen.“

Die Früchte werden in einem gärungslosen Verfahren verwertet und die eingesetzten Rohstoffe stammen mit Ausnahme der nicht heimischen Früchte traditionell möglichst aus dem westfälischen Raum. Mehrfache Auszeichnungen der Produkte, u. a. mit dem „Landesehrenpreis für Lebensmittel NRW“, unterstreichen die Qualität der Möller-Säfte.

Obstanlieferer bestätigen, dass die Qualität sogar schmeckbar ist, denn Streuobst hat laut Josef Möller wesentlich mehr Aroma als Plantagenobst: „Kunden, die ihre Bekannten mit Apfelsaft aus der Lohnmosterei versorgen, berichten, dass diese angesichts des schmeckbaren Qualitätsunterschiedes nichts anderes mehr trinken wollen.“ Äpfel von Streuobstwiesen sind zudem vorteilhaft für Apfelallergiker, da sie oft von alten Sorten stammen, die im Gegensatz zu den neuen Zuchtapfelsorten einen hohen Polyphenolgehalt besitzen.

Allerdings haben diese Apfelsäfte ihren Preis, denn Rohware von Streuobstwiesen ist im Ankauf deutlich (bis zu 2/3) teurer als Industrieäpfel. Dennoch kommt für den Apfelsaft der Firma Möller die meiste Rohware von Streuobstwiesen, auch wenn dies sehr ernteabhängig ist. Denn die Erntemengen schwanken sehr stark. Für Josef Möller beginnt eine gute Apfelernte ab 1.000 Tonnen, in Spitzenernten liegt sie bei 2.000 t, es gibt aber auch Jahre mit nur 100 t. Und der Klimawandel macht sich auch beim Apfel deutlich bemerkbar. Zum einen setzt die Apfelblüte immer früher ein, zum anderen wird die Erntezeit immer kürzer: dauerte diese früher von Anfang September bis Anfang Dezember, läuft die Ernte heute oft nur noch von Mitte August bis Ende Oktober.

Josef Möller, der das 1936 gegründet Familienunternehmen in dritter Generation führt, beobachtet, dass Regionalität und Nachhaltigkeit für die Kundschaft immer größere Bedeutung gewinnen und die eigenen Produkte mit deklarierter NRW-Herkunft immer besser laufen. Er und Tochter Linda, die als Mitglied der Geschäftsführung für die vierte Generation steht, setzen dort, wo es möglich ist, nicht nur konsequent auf Regionalität, sondern seit vielen Jahren auch auf nachhaltige Verpackung in Form von Mehrwegflaschen. Diese machen mittlerweile einen Anteil von 90 % aus, bei Apfelsaft sogar 95 %.

Foto: Josef Möller (© Obstsaftkelterei Josef Möller)
Foto: Linda und Josef Möller (© Obstsaftkelterei Josef Möller)
Foto: Tanklager (© Obstsaftkelterei Josef Möller)
Foto: Flaschenabfüllung (© Obstsaftkelterei Josef Möller)

Fotos: Josef Möller, Linda und Josef Möller, Tanklager, Flaschenabfüllung  (© Obstsaftkelterei Josef Möller)

Foto: Streuobstwiese (© van Nahmen)
Foto: Dr. Peter van Nahmen (© van Nahmen)
Foto: Steinkäuzchen in derStreuobstwiese (© van Nahmen)
Foto: van Nahmen Obstsäfte (© van Nahmen)
Foto: Streuobstwiese (© van Nahmen)

Beitragsfoto oben und Fotos: Streuobstwiese, Apfelernte in der Streuobstwiese, Dr. Peter van Nahmen, Steinkäuzchen, van Nahmen Obstsäfte, Schafbeweidung einer Streuobstwiese  (© van Nahmen)

Weitblick in Sachen Verpackung bewies man vor 90 Jahren auch am Niederrhein. Dr. Peter van Nahmen, der die Obstkelterei van Nahmen in Hamminkeln führt, berichtet gerne von den Anfängen der Firma. Diese hatte Urgroßvater Wilhelm 1917 als rheinische Apfelkrautfabrik gegründet. Großvater Wilhelm (II.) begann dann in den Weltkriegsjahren die Obstsaftherstellung, zunächst als Lohnmosterei. Glasflaschen propagierte er gleich in seinen Anfängen.

Die Firmengründung fiel in die Hochzeit der für den Niederrhein und das Münsterland typischen Streuobstwiesen. Rohware von den hochstämmigen Bäumen stand in ausreichendem Maß zur Verfügung, denn ab ca. 1850 hatten sich neben Baden-Württemberg auch das Rhein-Ruhrgebiet und sein Umland zu einem weiteren Schwerpunkt für Streuobstwiesen entwickelt.

Die van Nahmens haben Bäume immer schon als eine Investition in die Zukunft und generationenübergreifendes Thema verstanden. Auch sie mussten jedoch erleben, dass Streuobstwiesen in großem Umfang aus dem Landschaftsbild verschwanden bis endlich in den 1990er Jahren das Wissen um ihre Bedeutung als Kleinbiotope zunahm und das allgemeine Umweltbewusstsein erwachte.

Dies war der Auslöser für Vater Rainer van Nahmen, 1994 ein Projekt zum Schutz und zur Förderung der Streuobstwiesen ins Leben zu rufen. Deren ökologischen Wert setzte er gemeinsam mit 15 Partnern auch ökonomisch in Wert. van Nahmen verpflichtete sich, im „Streuobstwiesen-Aufpreisprojekt“ 50 % mehr als üblich für die gelieferten Äpfel zu zahlen, wenn die Lieferanten sich im Gegenzug bereit erklärten, ihre Streuobstwiesen zu pflegen und auf den Einsatz von Pestiziden und künstlicher Düngung zu verzichten. Gleichzeitig begann Rainer van Nahmen, die Äpfel von Hochstamm-Obstwiesen separat zu keltern und als „Apfelsaft von Streuobstwiesen“ abzufüllen – laut Peter van Nahmen „auch heute noch unser stärkstes Produkt“. Zudem wollte Vater Rainer auch die Sortenvielfalt der Streuobstwiesen fördern. Peter van Nahmen begann dann 2007 damit, sortenreinen Apfelsaft zu produzieren. Der einfache Ansatz dabei: sortenreine Obstsäfte fördern Sortenvielfalt. Daher wird Partnern für die sortenreine Anlieferung ein zusätzlicher Aufpreis gezahlt.

Heute hat van Nahmen 330 Streuobstwiesenpartner am linken und rechten Niederrhein bis hin ins angrenzende Münsterland. Damit wurde ein höchst effizientes System zum Erhalt der Streuobstwiesen geschaffen, in das auch Verbraucherinnen und Verbraucher eingebunden sind. Denn sie finanzieren über den Mehrpreis für die Säfte die alljährlichen Pflanzaktionen des Streuobstwiesenprojekts. In der Regel werden pro Jahr 400 bis 600 Bäume gekauft. 2020 waren es sogar 973 Bäume, die auf einer Fläche von über 10 Hektar ausgepflanzt wurden. Angedockt an die Pflanzaktionen sind auch Beratungsangebote für Interessierte zu Pflege und Baumschnitt. Peter van Nahmen ist stolz auf dieses Modell: „Verbraucherinnen und Verbraucher finanzieren über den Mehrpreis für unsere Säfte aktiv den Natur- und Umweltschutz!“ So konnten mit deren Unterstützung in den 26 Jahren seit Beginn des Projekts ca. 15.000 hochstämmige Bäume gepflanzt werden.

Peter van Nahmen ist überzeugt, dass Projekte wie dieses nur erfolgreich sein können, wenn ein klarer Vermarktungsansatz zugrunde liegt. Das bestätigt nicht nur der eigene Erfolg, sondern auch der Blick auf andere Initiativen mit ähnlichen Naturschutzvorhaben, die jedoch mangels Vertriebskonzepten oftmals aufgeben mussten.

So ist denn bei den van Nahmens auch noch lange nicht Schluss mit neuen Projekten. Sie haben die Pandemiezeit genutzt, um neben dem Betriebsgelände in Hamminkeln eine Streuobstfläche mit 25 Sorten anzulegen. Dort können sich Besucherinnen und Besucher auf einem „Obstlehrpfad Streuobstwiese“ an Informationstafeln über die einzelnen Sorten und zu allgemeinen Aspekten der Streuobstwiesen informieren. Für Picknicks stehen große Tische zur Verfügung, van Nahmen hält die nötige Ausstattung bereit. Radtouristen finden E-Bike-Ladestationen vor und mit dem ADFC werden aktuell zwei Radtouren durch die Streuobstwiesenregion ausgearbeitet.

Peter van Nahmen ist sich sicher, dass es den Gästen bald so geht wie ihm: „Wenn ich sehe, was auf der Streuobstwiese an Natur passiert und wie die Natur sich die Landschaft zurückholt, dann ist das einfach wunderbar.“

Infokasten Obstanbau NRW:

2009 wurden 18.000 ha der Landesfläche NRWs als Streuobstwiesenflächen angegeben (ca. 0,5 % der Landesfläche). 2005 umfasste der Streuobstbestand mindestens 922.000 Hochstämme.
(Quelle: Streuobstwiesenschutz in Nordrhein-Westfalen, MUNLV NRW, 2009)

2017 gab es in NRW 272 Baumobstbetriebe (Deutschland: 7.167) mit einer Anbaufläche von 2.727 ha (D: 49.934 ha).
Auf 2.051 ha wurden Äpfel angebaut, auf 311 ha Pflaumen und Zwetschen, auf 178 ha Birnen, auf 103 ha Süßkirschen, auf 35 ha Sauerkirschen und auf 10 ha Renekloden und Mirabellen. Auf 39 ha wurde sonstiges Baumobst angebaut.
Strauchbeerenobst wurde in NRW von 148 Betrieben (D: 1.303) auf 895 ha (D: 8.868 ha) angebaut.
Die größte Bedeutung hat in NRW der Erdbeeranbau. 420 Betriebe (D: 2.255) erzeugen Erdbeeren im geschützten Anbau und im Freiland auf insgesamt 3.359 ha (D: 17.807 ha).
(Quelle: Statistisches Bundesamt)

NRW steht an dritter Stelle der Obst erzeugenden Bundesländer mit einer Vielfalt an angebauten Obstarten auf ca. 6.100 ha. Dies entspricht 8.1 % der gesamtdeutschen Obstanbaufläche.
(Quelle: Entwicklungen des Obstbaus in Deutschland von 2005 bis 2017: Obstarten, Anbauregionen, Betriebsstrukturen und Handel, Thünen Institut für Betriebswirtschaft, 2018)