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Mit neuen Kulturen durch den Klimawandel

Die Klimaveränderungen machen’s möglich, aber nicht nur sie. Der Anbau von für unsere Breitengrade ‚exotischen‘ oder zumindest neuen Kulturen erfordert viel Innovationsgeist, Risikobereitschaft und Affinität zu Nachhaltigkeit, Ressourcenschutz und Regionalität. Der Auslöser aber ist dann manchmal ideeller, persönlicher oder betriebswirtschaftlicher Natur.

Beim Obst- und Kartoffelbauer Hensen aus Bergheim kam die Idee, Aprikosen zu kultivieren von Sohn und Nachfolger Johannes. Er absolvierte seine Ausbildung auf dem Obstgut Tackheide in Tönisvorst, wo die süßen Früchte schon seit 2004 angebaut werden. 2011pflanzte Jungbauer Hensen dann die ersten Sorten, und weil diese auch im Rhein-Erft-Kreis zurechtkamen, konnte ca. drei Jahre später die erste Ernte eingefahren werden. „Mein Vater war auch schon immer offen für Neues und wir profitieren vom Miteinander aus Erfahrung und Innovationsbereitschaft. „Natürlich“, so der 30jährige, „hat man jedes Jahr Zweifel, ob die Früchte unbeschadet heranwachsen. In der Winterruhe könnten die Aprikosen sibirische 20-30 Minusgrade wegstecken, aber in der Blütezeit darf es keinen Frost geben. “Letzteres kann in Bergheim natürlich schonmal passieren, und so haben die Hensens ihren Bäumen vor einigen Jahren zum Schutz ein Dach spendiert. Ansonsten ist die kleine Frucht aber nicht sehr anspruchsvoll, und wenn alles glatt läuft wird ab Ende Juni bis Mitte August geerntet. „Dennoch ist die Produktion hier aufwändiger als im Süden“, bestätigt der Landwirt.

Auf dem niederrheinischen St. Töniser Obsthof der Familie Steves setzt man bei den Aprikosen ebenso wie bei den noch exotischeren, ursprünglich aus Nordamerika stammenden, Aroniabeeren auf Direktvermarktung. Hensen ist froh, in Rewe Richrath mit derzeit 15 Märkten einen zuverlässigen Handelspartner zu haben, der auch akzeptiert, wenn mal zwei Tage nichts angeliefert werden kann. „Für die Vermarktung kann ich mich auf Fachleute verlassen, die sich explizit zur Regionalität bekennen und mich selber auf die Produktion konzentrieren“, weiß er zu schätzen.

Das sieht auch Bettina Müller, bei der Rewe Group Region West in Hürth-Efferen zuständig für den Einkauf lokaler Produkte aus NRW und Rheinland-Pfalz, so: „Die Investition in authentische regionale Produktqualität gilt als das vielversprechendste Mittel, unsere lokale Wertschöpfung weiter zu stärken und das vielfältige Wissen und die handwerklichen Fähigkeiten der regionalen Lieferanten zu erhalten und zu fördern.“

Foto: Bernd und Johannes Hensen (© Familie Hensen)
Foto: Aprikosen unter Dach (© Familie Hensen)
Foto: Aprikosen-Frucht (© Familie Hensen)

Beitragsfoto: Lupinen (© ColorsLife777 – pixabay.com)
Fotos: Bernd und Johannes Hensen, Aprikosen unter Dach, Aprikosen-Frucht (©Familie Hensen)

Foto: Quinoa-Feld (© Familie Drerup)
Foto: Quinoa-Pflanze (© Familie Drerup)
Foto: Akteure Mudda Natur (© Familie Drerup)

Fotos: Quinoa-Feld, Quinoa-Pflanze, Akteure Mudda Natur: Philipp und Carolin Drerup und Johannes Grenzebach (v.l.n.r) (© Familie Drerup)

Bei Rewe Köln, aber nicht nur dort, ist auch das eigentlich in Südamerika beheimatete Quinoa als ‚Kinoa aus dem Rheinland‘ gelistet. Lieferanten sind die Feldhelden Rheinland, die das Korn, das übrigens zur Familie der Gänsefußgewächse zählt, seit dem Frühjahr 2019 anbaut. Landwirt Thomas Decker, seine Frau Verena und sein Bruder Johannes wollten den elterlichen Betrieb für die Zukunft rüsten und zugleich mit einem regionalen nachhaltigen Lebensmittel Voraussetzungen für eine gesunde Ernährung schaffen. Inzwischen bauen sie ihren Kinoa ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf acht Hektar an, weil die Nachfrage nach dem glutenfreien Allrounder bei ernährungs- und umweltbewussten Genießern stetig steigt.

Diese Erfahrung machen ein paar Jahre länger schon auch Carolin und Philipp Drerup, die auf 12 Hektar seiner elterlichen Landwirtschaft im münsterländischen Havixbeck ebenfalls den nähr- und energiestoffreichen Quinoa kultivieren. „Während des Studiums der Agrarwissenschaften entdeckten wir die Andenfrucht und erfuhren von der Glutenunverträglichkeit einer Freundin“, beschreibt Carolin Drerup den Auslöser. Die beiden identifizierten einen Trend „und wir recherchierten und experimentierten dann ein Jahr lang mit Boden, Saatgut, Zwischenfruchtfolge usw. und stellten fest, dass der Exot gut zum münsterländischen Klima passt“. In der Wachstumsphase, von März bis Ende August, profitiert der Drerupsche Quinoa zudem vom dortigen, für das Münsterland eher seltenen, sandigen Lehmboden mit sehr gutem Wasserhaltevermögen. „Dazu“, so die junge Landwirtin, „kommt ein reges Bodenleben mit kleinen und großen Tieren und Unkräutern, weil er auch ohne Pflanzenschutzmittel wächst.“

Nach der Ernte wird er deshalb aufwändig gereinigt und getrocknet, aber anders als der importierte Mitbewerber muss der Quinoa aus NRW nicht technisch geschält oder gewaschen werden, sodass die wertvollen Inhaltsstoffe und der besondere Geschmack auch im Vollkorn-Quinoa von Hof Drerup erhalten bleiben. Deshalb und wegen seiner vielseitigen Verwendbarkeit haben die Quinoa-Pioniere aus dem Münsterland im Laufe der Jahre dort und weit darüber hinaus viele nachhaltig und regional aufgestellte Handelspartner gewonnen. Daneben vertreiben sie über ihren Online-Shop ‚Mudda Natur‘ eine Vielzahl leckerer und gesunder Produkte aus und mit Quinoa.

Die Produktwelt war es auch, die die Familie Voss vom Eickenbecks Hofgenuss in Rinkerode im Kreis Warendorf inspirierte, eine Alternative zu Schweinezucht und üblichem Ackerbau zu suchen. Diese sollte nicht nur gut schmecken, sondern auch gesund, umweltschonend und pflanzlich sein. 2010 begann der studierte Landwirt Burkhard Voss – betriebliches Wachstum im Blick – sich über neue Nahrungsquellen ‚vom Feld‘ schlau zu machen und zu experimentieren. Um ein wirklich hochwertiges Lebensmittel zu identifizieren, das diese Ansprüche erfüllt, arbeitete er eng mit Prof. Ritter und den Studierenden am food lab der FH Münster zusammen. Eine studentische Arbeit zur Süßlupine und zu Convenienceprodukten war dann das Initial für die Aussaat der Hülsenfrucht im Frühjahr 2019 auf einem Teil der Ackerfläche. „Die Süßlupine passt in unsere Region, und für eine gesunde Ernährung, umweltverträgliche Erzeugung und einen nachhaltigen Konsum sollten wir sie auch hier kultivieren“, ist Burkhard Voss überzeugt.

Im Mittelmeerraum wird der ernährungsphysiologische Wert der Lupine schon lange geschätzt. Ihr Eiweißgehalt ist hoch, der Fettanteil eher niedrig aber von besonderer Qualität. Viele Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe machen sie so gesund; sie enthält keine Laktose und Purine, kein Gluten und Cholesterin. Deshalb und wegen des guten Geschmacks finden zunehmend Mehl, Kaffee und Joghurt- Aufstrich- und Eiscreme-Produkte auf Basis von Süßlupinen ihren Weg in den Handel.

Auf dem Eickenbecks Hof werden die Lupinenkerne Ende August geerntet. Sind sie zu Mehl und Schrot verarbeitet, lassen sich daraus Brote, feines Gebäck, Süßspeisen oder Proteinshakes herstellen. Für die Entwicklung der (Convenience-)Produkte kooperiert die Familie Voss noch immer erfolgreich mit der FH Münster und für die Herstellung von z. B. Nudeln, Bratlingen oder Aufstrichen mit Produzenten aus der Region. Zu kaufen und zu genießen sind sie bei diesen und anderen regionalen Handelspartnern und Restaurants, „denn“, so Burkhard Voss, „auch hier setzen wir auf Nähe und Regionalität.“

Foto: Viktoria und Burkhard Voss (© Familie Voss)
Foto: Lupinen-Produkte (© Familie Voss)

Fotos: Viktoria und Burkhard Voss, Lupinen-Produkte (©Familie Voss)