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Foto: Aixponic-Team (Copyright: Jörg Meyer | jumpr.com)

Meeresfisch und Meeresgemüse von nebenan – Lebensmittelkultivierung neu gedacht

Zu sehen ist noch nichts; die erste praxistaugliche Anlage wird erst in den nächsten Wochen geliefert, aber wenn der Plan der Unternehmensgründer aufgeht, dann schwimmen im neuen Salzwasser-Aquaponik-System in Aachen ab Oktober 2022 bereits die ersten Doraden.

Gehen wir zunächst aber einmal zurück zum Anfang der Geschichte:
Drei Ingenieure, die sich irgendwie über das Studium in Aachen kennen, erfahren vor siebeneinhalb Jahren durch einen Fernsehbeitrag mehr zum Thema Aquaponik. Die Doku ist Auslöser für Peter Becker, Sascha Henke, Michael Moll und einen mittlerweile ausgeschiedenen Kompanion, sich selbst mit dem Thema auseinanderzusetzen. Um im Bild zu bleiben, irgendwann schluckten sie den Haken und der Plan „Aquaponik, das bauen wir nach“ reifte schnell. Und weil Sascha Henke nicht nur Ingenieur ist, sondern in Aachen auch einen landwirtschaftlichen Betrieb hat, stand gleich ausreichend Platz fürs Experimentieren bereit.

Schon die ersten Jahre der Jung-Aquaponiker bringen mess- und essbare Ergebnisse aus Indoor-Versuchsraum und Eigenbau-Gewächshäusern. Zum einen in Form von Tomaten, Gurken, Kräutern, Peperoni, Auberginen, Zucchini und sogar Kohl. Zum anderen mit Fisch wie Tilapia-Barsch, Karpfen oder europäischem Wels. Der eigene Erfolg und die Entdeckung des technisch Machbaren warfen alsbald die Frage nach einer möglichen Kommerzialisierung des Projekts auf – mit dem auch ein Weg auf der Suche nach zukunftsfähigen Lösungen für die Erzeugung unserer Lebensmittel aufgezeigt werden könnte. Die Entscheidung, tatsächlich den Schritt ins Business zu wagen sowie Änderungen im Team und vorsichtige Kontakte in Richtung Handel und die damit verbundenen Anforderungen an die Skalierung einer gemeinsamen Unternehmung führten allerdings erst einmal in eine Phase der Demotivation. Diese endete zum Glück aller Beteiligten kurz vor der Corona-Pandemie mit einem Zeitungsartikel in der Lokalpresse. Die daraus resultierende Aufmerksamkeit, eine personelle Verstärkung und insbesondere eine strategische Korrektur brachten die Wende.

Letztere fußt zunächst auf der banalen Marktbeobachtung, dass die Auswahl an Salzwasserfisch das Bild der heimischen Fischtheke dominiert. Süßwasserfischarten spielen in der Verbrauchergunst scheinbar nur eine Nebenrolle. Andererseits stehen die bevorzugten Meeresfischarten oftmals für die Überfischung oder, im Bereich der Aquakultur, für die Verschmutzung der Meere. Die Aufgabenstellung für die Aachener Aquaponiker lautete also, Nachfrage und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Folgerichtig setzten sie die gesammelten Erfahrungen aus ihren bisherigen Versuchen erfolgreich in einem Salzwasser-Aquaponik-Projekt ein. Die Entschleunigung durch Corona zusammen mit einem gut gefüllten Zeitkonto sorgten für eine Beschleunigung des Projektfortschritts und tatsächlich zum Ergebnis, Salzwasser-Aquaponik ist machbar: statt Karpfen und Tomaten können Dorade und Meeresspargel gezogen werden. Bereits im Sommer 2021 waren die Voraussetzungen für die Gründung einer GmbH erfüllt und die Finanzierung des Start-up-Unternehmens gesichert. Jetzt steht die erste Anlage für den Produktionsbetrieb kurz vor der Auslieferung.

‚Anlage‘ bedeutet in diesem Fall die Kombination eines Seecontainers für die Hydroponic mit fünf Seecontainern für die Aquakultur. In letzteren wachsen auf einer Stellfläche von 117 Quadratmeter ganzjährig Doraden in Sushi-Qualität, mit einer jährlichen Gesamtmenge von ca. 7 Tonnen. Im Hydroponik-Container werden auf einer Anbaufläche von 39 Quadratmetern Meeresspargel mit einer jährlichen Erntemenge von 2 Tonnen erzeugt und dabei die Nährstoffe aus der Aquakultur eingesetzt. Das System arbeitet ganzjährig und komplett auf lokaler Ebene. Es benötigt eine Gesamtstandfläche von lediglich 150 Quadratmetern und eine Wassermenge von 70 Kubikmetern. Der Wasserverlust unter Volllast liegt bei unter 1 Prozent. Der geringe Energiebedarf, das Auskommen ohne Antibiotika- und Pestizid-Einsatz und kurze Transport- und Kühlzeiten zahlen ebenso auf das Nachhaltigkeitskonto ein wie die Tatsache, dass das System komplett aus der Umwelt entkoppelt ist. Und es sorgt für ganzjährig gleichbleibende Produktqualität und Frische; das eingesetzte Wasser hat sogar jederzeit Trinkqualität ohne Verunreinigungen.

Die Dorade, als einer der beliebtesten Speisefische Europas, ist nur eine Fischart, die in dieser Anlage gezüchtet werden kann. Denkbar sind beispielsweise auch Wolfsbarsch, Gelbschwanzmakrele, Red Snapper oder Barramundi. Statt des Meeresspargels, der als Delikatesse bereits in vielen Gourmet-Restaurants zu finden ist, können über dieses salzwasserbasierte hydroponische Verfahren auch Strandaster, Meeresfenchel, Meereskohl, Strandflieder und sogar Rucola kultiviert werden. All dies ist 365 Tage im Jahr möglich, absolut klimaunabhängig an lokalen Standorten umsetzbar und über die modulare Konzeption adaptierbar an die Anforderungen vor Ort.

Foto: Aquaponik Versuchsanlage (Copyright: aixponic.de)
Foto: Aquaponik Versuchsanlage (Copyright: aixponic.de)
Foto: Aquaponik Versuchsanlage (Copyright: aixponic.de)
Foto: Aquaponik Versuchsanlage (Copyright: aixponic.de)
Zeichnung: Aixponic Salzwasser-Aquaponik-System (Copyright: aixponic.de)
Foto: Doraden (Copyright: RitaE - pixabay.com)

Beitragsfoto:  © Jörg Meyer | jumpr.com
Fotos von oben nach unten: Aquaponik-Versuchsanlage, Zeichnung Salzwasser-Aquaponik-System
(© aixponic.de)
Doraden (© RitaE – pixabay.com)