Foto: Familie Kottsieper (Copyright: Geflügelhof Kottsieper)

Generationenwechsel

Die Betriebsnachfolge ist ein Thema, das viele Betriebe und Unternehmen umtreibt. In seinem ‚Situationsbericht 2020‘ geht auch der Deutsche Bauernverband auf das Thema Hofnachfolge ein. Demnach gibt es seit Jahren einen signifikanten Rückgang der Familienarbeitskräfte. Zudem ist gut ein Drittel der Landwirte älter als 55 Jahre und der Anteil jüngerer Betriebsinhaber hat deutlich abgenommen. In vielen Fällen ist die Hofnachfolge zwar gesichert, allerdings sind gerade kleinere Höfe und Ackerbaubetriebe oft ohne Hofnachfolger. Rund ein Drittel der Betriebe wird im Nebenerwerb weitergeführt. Wenn Höfe von der nachfolgenden Generation übernommen werden, dann ist diese durch eine überwiegend gute Ausbildung auf die Betriebsführung vorbereitet.

 

Über‘s Studium auf den elterlichen Hof

Dies zeigt sich auch an Beispielen von Mitgliedern des Ernährung-NRW e. V. wie dem Hielscher Hof in Leichlingen. Hier leitet Bernd Hielscher den Hof in dritter Generation. Der Milchviehbetrieb wird seit 1953 von der Familie bewirtschaftet, die Mitarbeit der Kinder auf dem Hof war – wie in der Landwirtschaft üblich – immer selbstverständlich. Sohn Bernd fand jedoch nach der Schulzeit keinen Ausbildungsbetrieb, um seiner landwirtschaftlichen Berufung zu folgen. „Das lag wohl auch an meinen langen Haaren“, vermutet er. Statt einer Ausbildung absolvierte Hielscher also ein Studium für Landwirtschaft und half nebenbei auf dem elterlichen Hof. Diesen musste er als frischgebackener Ingenieur für Landbau dann direkt übernehmen, auch aufgrund einer Allergieerkrankung des Vaters. Zunächst als Pächter und für neun Jahre als Partner in einer GbR leitet Bernd Hielscher den Hof seit 1981 allein. Seine Tochter Isabelle wuchs mit im Betrieb auf, eine landwirtschaftliche Karriere war auch für sie folgerichtig. So ging es nach dem Abitur zum Studium der Agrarwissenschaften nach Bonn. Seit dem Bachelorabschluss im Herbst 2019 arbeitet sie mit auf dem Hielscher Hof und wird an die Betriebsübernahme herangeführt.
„Arbeit gibt es genug“, erklärt Vater Bernd, „denn der Betrieb aus der Zeit meiner Großeltern ist immer weiter gewachsen.“ Zum ursprünglichen Milchviehbetrieb mit heute ca. 230 Kühen plus Nachzucht kam 1988 eine Käserei. Damit war der erste Schritt in die Direktvermarktung über den eigenen Hofladen getan. Die Produktpalette u. a. mit Käse, Milch, Quark und Joghurt weckte auch das Interesse von Wiederverkäufern. Ende der 90er Jahre stellte Bernd Hielscher allerdings fest, dass der ursprüngliche Hofladen am Betrieb an Attraktivität verlor. Seine Wahrnehmung „die Menschen wollen alles an einem Ort“ führte 2003 zur Gründung der Bauernhof-Gastronomie ‚Rusticus‘ an einem zweiten Standort in Leichlingen. Neben Restaurant und Biergarten liegt direkt der Hofladen, in dem neben den Käsespezialitäten vom Hielscher Hof auch andere regionale Produkte aus der Umgebung angeboten werden.
Auch ohne festgelegte Aufgabenverteilung führte die Betriebsstruktur schnell dazu, dass Isabelle Hielscher sich um den Milchviehbetrieb kümmert und Vater und Mutter Ute um Käserei und den betriebswirtschaftlichen Bereich. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte auch noch Isabelles 18-jähriger Bruder Mark dazu stoßen, der gerade eine landwirtschaftliche Ausbildung durchläuft.
Naturgemäß bringt die junge Generation ‚frischen Wind‘ in Familienbetriebe wie den Hielscher Hof. Aber Isabelle Hielscher bestätigt, „auch unser Vater war immer offen für Neues. Man kann immer noch mehr verbessern, das gilt sicher auch für mich. Allerdings muss alles immer auf den Betrieb ausgerichtet sein und kann nicht einfach nur dem Lehrbuch folgen.“
Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen hat für sie auch die Öffentlichkeitsarbeit große Bedeutung: „Das Thema Wertschätzung von Lebensmitteln ist beispielsweise für die Direktvermarktung sehr interessant. Dafür müssen wir transparent mit den Verbrauchern umgehen und es muss ein Miteinander geben. Ein Zusammenrücken von Landwirtschaft und Verbrauchern kann nur erreicht werden, wenn man den Leuten alles zeigt. Auch deshalb sage ich immer: redet mit uns statt über uns!“
Ihrem Vater ist es sehr wichtig, dass das, was die Eltern aufgebaut haben, auch weitergeführt werden kann. Dazu gehört auch, dass der Betrieb sauber aufgestellt ist: „Man muss bis zur letzten Minute selber investieren, um die Übergabe überhaupt erfolgreich umsetzen zu können. Da können wir nicht einfach unseren Nachfolgern die erforderlichen Investitionen auferlegen.“

Foto: Bernd Hielscher (Copyright: Hielscher-Hof)
Foto: Isabelle Hielscher (Copyright: Hielscher-Hof)
Foto: Maislabyrinth am Hielscher Hof(Copyright: Hielscher-Hof)
Foto: Gastronomie Hielscher Hof(Copyright: Hielscher-Hof)

Fotos: Bernd Hielscher, Isabelle Hielscher, Hofladen, Maislabyrinth, Gastronomie (© Hielscher Hof)

Foto: Eier werden aufgeschlagen (Copyright: Geflügelhof Kottsieper)
Foto: Vollei-Produktion (Copyright: Geflügelhof Kottsieper)
Foto: Vollei konfektioniert (Copyright: Geflügelhof Kottsieper)

Fotos: Eier für Vollei, Aufschlagen von Eiern, Vollei-Produktion, Robin Kottsieper mit Vollei-Produkt (© Geflügelhof Kottsieper)

Junge Leute haben schnelle Beine, die alten kennen die Abkürzung

Für Karl-Frieder Kottsieper steht fest, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb immer erst dann als erfolgreich geführt gelten kann, wenn er an die nächste Generation abgegeben wurde. Diese Übergabe hat er mit dem Geflügelhof Kottsieper in Remscheid bereits im Sommer 2019 realisiert. Seither führt Sohn Robin Kottsieper den Betrieb in nunmehr 6. Generation.
Wie Sohn Robin hat auch er selbst den elterlichen Betrieb bereits im Alter von 27 übernommen: „Die Staffelübergabe erfolgt so früh, weil es für den Betrieb das Beste ist. Die neue Generation hat Power, will nach vorne und gründet gerade eine Familie – und sie hat eine modernere Einschätzung des Ganzen. Wir ‚Alten‘ sind das Korrektiv.“ Zur cleveren Betriebsweise der jungen Generation gehört für ihn auch, auf die Erfahrungen der älteren Generation zurückzugreifen, während diese froh ist, dass ihr Rat im Sinne von ‚Coaching‘ noch gefragt ist. „Früher hieß es ‚Die jungen Leute haben die schnelleren Beine und die alten kennen die Abkürzung‘“, ergänzt Robin Kottsieper. So entstehen Synergien aus gewachsenem Wissen und moderner Entscheidungs- und Handlungsbereitschaft.
Robin Kottsieper und seine Frau Anna haben beide Agrarwissenschaften studiert und in der Wirtschaft gearbeitet, bevor sie in den Betrieb nach Remscheid zurückgekommen sind. Dank unterschiedlicher Schwerpunkte in Nutztierhaltung einerseits und Betriebswirtschaft andererseits ergänzen die beiden sich optimal. Und sie denken über das Bild des landwirtschaftlichen Erzeugers hinaus.

Neben dem klassischen Geschäft der Legehennenhaltung und Eiererzeugung hat das junge Ehepaar Kottsieper ein neues Betätigungsfeld im Regionalsektor entdeckt. Eier der Handelsklasse B werden üblicherweise in sogenannten Aufschlagwerken zu Vollei-Produkten verarbeitet. „Es zerreißt einem die Seele, wenn gute regionale Eier quasi ‚exportiert‘ werden – auch in andere Bundesländer – um dort als anonyme Verarbeitungsware aufgeschlagen und letztendlich irgendwo verteilt und verkauft zu werden“, erklärt Robin Kottsieper die Motivation für das neue Geschäftsfeld.
Das Projekt regionales Vollei ist insofern eine Herzensangelegenheit, als dass der Geflügelhof Kottsieper von außen betrachtet eigentlich ein Bauernhof ist, man sich heute aber mehr und mehr auch als Lebensmittelunternehmer verstehen muss. Das merkt man im Bereich der Eierproduktion und Packstelle angesichts der Anforderungen, die Handel und andere Kunden an den Betrieb stellen. Dies hat das junge Ehepaar Kottsieper im Entschluss für den gewagten Schritt in Richtung Volleiproduktion bestärkt, denn „Hygieneanforderungen, Haftung etc. sind eine ganz andere ‚Hausnummer‘ im Vergleich zu dem, was man vorher an Anforderungen an den Betrieb hatte.“ Der Switch vom Landwirt zum Lebensmittelunternehmer bedeutet auch, Rückstellmuster von jeder Charge, die pasteurisiert wurde, anzulegen, Lagertests durchzuführen und Probenanalysen durch externe Labors vornehmen zu lassen.
Mit der neuen ‚Regionalen Vollei-Manufaktur‘ ist man Vorreiter in NRW, denn bislang konnte das vorteilhafte Kriterium ‚Regionalität‘ aufgrund der üblichen Produktionsweisen bei Vollei-Produkten nicht beworben werden.
Genau hier setzt Robin Kottsieper an. Zwar kann er das Produkt nicht so günstig anbieten wie die etablierten Mitbewerber. Die Mehrkosten für regionales Vollei wirken sich bei seinen Kunden jedoch kaum auf die Kosten für deren Endprodukte aus und sie können sogar Regionalität für eine Zutat garantieren, für die dies bislang nicht angeboten wurde. Über die regionale Produktion ergeben sich zudem Vorteile, die auch Nachhaltigkeitsaspekte tangieren: bislang legte die Rohware weite Wege zum Aufschlagwerk zurück, die Mindesthaltbarkeit wird ausgereizt, was auch Lebensmittelvernichtung begünstigt, wenn eingekaufte Großgebinde nicht vollständig eingesetzt werden können.
Dagegen kann die Manufaktur on demand produzieren, in kleinen Gebinden, auftragsbezogen und wöchentlich frisch. Hergestellt wird genau die bestellte Menge, einmal in der Woche, flexibel, unter Verarbeitung frischer Ware, ohne über große Zentralwarenlager zu drehen, sondern per Streckenbelieferung mit vergleichbaren Frischevorteilen wie beim Schalenei. Kunden waren vom neuen Angebot erst einmal überrascht, aber auch leicht zu überzeugen, denn es hilft ihnen bei regionaler Nachhaltigkeit und Abgrenzung. Und die Vorzüge, wie sie aus sensorischen und praktischen Tests abzulesen waren, können auch sie bestätigten. Dazu zählt z. B. ein besseres Schaumbildungsvermögen aufgrund der eingesetzten frischeren Eier.
Bei all dem macht nicht die Betriebsgröße den Unterschied, sondern die garantierte Herkunft der eingesetzten Eier aus dem eigenen Legehennenbetrieb und dem zusätzlichen Einsatz der ‚Marke NRW‘ (Link zur Webseite Produktzeichen https://www.nrw-isst-gut.de/gepruefte-qualitaet/).

Man muss dafür geboren sein, Landwirt zu werden

Auch vor dem Kartoffelhof Pottbäcker in Rheurdt hat die Entwicklung nie Halt gemacht. Andreas Pottbäcker führt den Betrieb in dritter Generation seit 2011. Dabei ist er, nach der Trennung der Eltern, nicht in klassischer Weise auf dem Hof aufgewachsen. Ernst wurde es erst mit der Entscheidung für die Ausbildung zum staatlich geprüften Agrar- und Betriebswirt und dem Ziel der Übernahme des väterlichen Hofes.
Aus dem ursprünglich reinen Kartoffelanbau und dem Wochenmarktgeschäft entwickelten sich im Laufe der Zeit weitere Betriebe. Als Andreas die Landwirtschaft übernahm, baute sein Vater Josef einen Kartoffelhandel auf. Seine Schwester Christine Schifferer übernahm das Wochenmarktgeschäft, gründete einen Obst- und Gemüsehandel und verlagerte ihren Bereich vor drei Jahren an einen eigenen Standort. Wirtschaftlich sind die Betriebe heute voneinander getrennt, so dass die unternehmerischen Verantwortungen klar verteilt sind.
Pottbäcker vergrößerte den Betrieb von ca. 120 auf heute 200 Hektar. Dies machte auch Investitionen in Maschinen erforderlich. Neben dem Schwerpunkt Kartoffeln hat er sich mit dem Anbau von Süßkartoffeln ein weiteres Standbein geschaffen. Dafür nennt er mehrere Auslöser: „Ich wollte unbedingt etwas komplett Eigenes machen! Und die Süßkartoffel bot die Chance für ein ganz anderes Erzeugnis, das nicht jeder anbieten kann und mit dem ich auch einem Trend folge.“ Die nur entfernt mit der Kartoffel verwandte Nutzpflanze hat für Pottbäcker auch einige Vorteile angesichts des spürbaren Klimawandels: „Die Süßkartoffel erträgt mehr Wärme, ist gut für die Auflockerung der Fruchtfolge, sie hinterlässt eine sehr nährstoffreiche Umgebung und sie ist insgesamt sehr widerstandsfähig.“ Er baut die Süßkartoffel auf ca. 3 Prozent seiner Flächen an. „Wir haben im Kreis Kleve zwar noch keine Probleme mit der Wasserversorgung, aber mit der neuen Frucht können wir auch Vorgaben aus der Düngeverordnung umsetzen und den Weg zum Pestizid-Verzicht mitgehen.“ Allerdings machte der personalintensive Süßkartoffelanbau auf einmal Saisonkräfte erforderlich, da für die Unkrautbekämpfung keine Herbizide eingesetzt werden können und auch das Pflanzen und die Ernte viel Handarbeit bedeutet. Dies erklärt auch den doppelten Preis gegenüber der normalen Speisekartoffel.
Aktuell leidet Pottbäcker, wie viele seiner Mitbewerber, unter den Corona-Effekten. Etwa die Hälfte seiner Kartoffeln geht üblicherweise in die Industrie. Angesichts eines sehr langfristigen geschäftlichen Vorlaufs ist diese Situation für einen Betrieb mit sehr hohen Fixkosten schwer zu verkraften.
Dabei ist Andreas Pottbäcker Landwirt mit Herz und Seele und wusste von Anfang an um die Konsequenzen, wie z. B. Zeit, die fehlt, um sie mit der Familie und kleinen Kindern zu verbringen.
„Man muss mittlerweile wirklich dafür geboren sein, Landwirt zu werden“, stellt er fest. Und er weist auf ein Problem hin, das vermutlich viele seiner Kollegen ähnlich sehen: „Die Wertschätzung für unsere Arbeit ist verloren gegangen, weil die Menschen den direkten Bezug zur Landwirtschaft verloren haben.“
Bei der Entscheidung für eine Zukunft in der Landwirtschaft ist somit Realismus angesagt. Pottbäckers Resümee lautet daher: klare Perspektive, klare Absprachen und früh genug anfangen.

Foto: frisch gerodete Süßkartoffeln (Copyright: Kartoffelhof Pottbäcker)
Foto: Süßkartoffelernte (Copyright: Kartoffelhof Pottbäcker)

Fotos: Andreas Pottbäcker mit frischen Süßkartoffeln, gerodete Süßkartoffeln, Süßkartoffel-Ernte (© Kartoffelhof Pottbäcker)