Foto: Schweine im Stall (Copyright: canva.com)

Entwicklung in der Tierhaltung – die Nutztierstrategie von Nordrhein-Westfalen

Interview mit Prof. Dr. Friedhelm Jaeger, Ministerialrat für Tierschutz, Tiergesundheit und Tierarzneimittel im MULNV

Die konventionelle landwirtschaftliche Tierhaltung in Nordrhein-Westfalen steht aktuell vor großen Herausforderungen. Gründe sind der zunehmende Einfluss sich wandelnder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, eine steigende Erwartungshaltung der Öffentlichkeit in Bezug auf das Wohl der Tiere und den Schutz der Umwelt sowie sich ändernde Rechtsvorgaben.

Der Ernährungsreport 2021* hat beispielsweise untersucht, was Landwirtschaft für die Verbraucher leisten soll. Die Menschen erwarten viel von der Landwirtschaft und ihre Ansprüche sind im Vergleich zum Vorjahr weiter gestiegen. Eine artgerechte Haltung der Tiere ist fast drei Viertel der Befragten (73 Prozent; Vorjahr: 66 Prozent) sehr wichtig. 42 % der Befragten sind bereit, für mehr Tierwohl bis zu 5 Euro mehr für ein Kilogramm Fleisch zu bezahlen. Von den 77% der Befragten, die unverarbeitetes Fleisch** kaufen, ist die Haltung der Tiere dabei für 92 % von ihnen beim Einkauf ein (sehr) wichtiges Kriterium. Für 83 % ist zudem Regionalität und für 76 % die Dauer des Tiertransports relevant.

Der Jugendreport zur Zukunft nachhaltiger Ernährung, in dem junge Erwachsene in Deutschland (Altersgruppe 15 bis 29 Jahre) im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung über die zentralen Zukunftsthemen Fleischkonsum und Klimawandel befragt wurden, macht ähnliche Angaben. Knapp 90% der jungen Erwachsenen interessieren sich für Lebensmittel und Ernährung. Food ist ein Trendthema der Jugend. Junge Erwachsene sind Treiber des Transformationsprozesses (Reduktion des Konsums tierischer Produkte). Es gibt eine Entwicklungsdynamik hin zu einer fleischarmen Ernährung. Tierschutz und Klimaschutz werden von den jungen Erwachsenen stark eingefordert (Link zur Studie).

Neueste Meldungen aus der Handelsbranche besagen, dass die Discounter Aldi Nord und Süd von 2030 an nur noch Fleisch aus höherwertigen Haltungsformen anbieten wollen. Das bedeutet, dass nur noch Schweine-, Rind-, Puten- und Hühnerfleisch der Haltungsformen drei und vier im Sortiment verkauft werden wird. Diese umfassen Futter ohne Gentechnik, Zugang zu frischer Luft und mehr Platz und Auslauf für die Tiere. Derzeit verkauft Aldi 15 % des Fleisches aus den höherwertigen Stufen. Fleisch aus der klassischen Stallhaltung ohne weitere Vorgaben (Haltungsstufe 1) soll bis 2025 komplett aus dem Sortiment genommen werden. Ausnahmen sind internationale Spezialitäten und der Bereich Tiefkühlkost.

Ernährung-NRW e. V. hat Prof. Dr. Friedhelm Jaeger, Ministerialrat im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen und zuständig für Tierschutz, Tiergesundheit und Tierarzneimittel gefragt, was das Land NRW in Sachen Tierhaltung unternimmt.

Herr Prof. Dr. Jaeger, das Thema Tierwohl ist seit einiger Zeit in aller Munde. Selbst die Discounter achten jetzt auf die Haltungsformen der Tiere. Ist das aus Ihrer Sicht ein Schritt in die richtige Richtung?

Die Ankündigung des Lebensmitteleinzelhandels, sein Frischfleischangebot sukzessive auf ein höheres Tierwohl umzustellen, ist zu begrüßen. Diese Initiativen machen auch deutlich, dass die Verbraucherschaft bewusster auf die Herkunft von Lebensmitteln achtet. Der Wunsch der Gesellschaft nach tiergerechteren Haltungsformen schlägt sich hier nieder.

Lassen Sie uns über die Nutztierstrategie des Landes NRW sprechen, die Anfang 2020 vorgestellt wurde. Was besagt diese Strategie und was ist ihre Zielsetzung?

Die nordrhein-westfälische Nutztierstrategie beschränkt sich nicht nur auf Tierwohlaspekte, sondern bezieht auch alle sonstigen rechtlichen Aspekte ein, die mit der landwirtschaftlichen Tierhaltung einhergehen. Das sind Fragen der Nachhaltigkeit, insbesondere der Umwelt und der Ökonomie, der Relevanz von landwirtschaftlicher Tierhaltung für die ländlichen Räume und auch der Erwartungen aus der Verbraucherschaft.

Die nordrhein-westfälische Nutztierstrategie zeigt Wege auf, wie bestehende Zielkonflikte zwischen Tierwohl, Umwelt und Ökonomie sinnvoll und ausgewogen gelöst werden können. Wichtig sind vor allem auch die regelmäßigen Praxistests zu aktuellen Fragestellungen. Wesentliche Ergebnisse fließen auch in die Beratungen des vom Bundeslandwirtschaftsministerium eingerichteten „Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung“ (Borchert-Kommission) ein.

Werden alle Tierarten gleichermaßen berücksichtigt?

Die Nutztierstrategie 2020 hat sich zunächst schwerpunktmäßig mit der Tierart Schwein beschäftigt, weil hier die Probleme am dringendsten sind. Inzwischen liegt auch ein Strategiepapier für die Tierart Rind vor. Hier werden verschiedene Ansätze verfolgt, die insbesondere in der Milchvieh- und Kälberhaltung Maßnahmen hin zu mehr Tierwohl unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Umwelteffekte aufzeigen. Mit Hilfe einer Branchenvereinbarung mit den maßgeblichen Verbänden werden die vereinbarten Fortschritte transparent gemacht und regelmäßig dokumentiert.

Wie sieht der „Stall der Zukunft“ aus? Wo wird das Pilotprojekt umgesetzt?
Wer sind die Partner des Ministeriums, mit denen dieses Projekt geplant und umgesetzt wird?

Der Stall der Zukunft wird mit Mitteln des Landes NRW finanziert und entsteht auf dem „Versuchs- und Bildungszentrum Landwirtschaft Haus Düsse“ der Landwirtschaftskammer NRW. Der Stall der Zukunft besteht aus zwei Stallabschnitten, die sich an den Stufen 2 und 3 des geplanten staatlichen Tierwohlkennzeichens orientieren. Nach derzeitigem Planungsstand bedeutet das:

  • Stallabschnitt 1 entspricht der Stufe 2 des geplanten staatlichen Tierwohlkennzeichens mit einem Platzangebot von 1,1 m² pro Tier bis 110 kg und Außenklimareiz.
  • Stallabschnitt 2 entspricht der Stufe 3 des geplanten staatlichen Tierwohlkennzeichens mit einem Platzangebot von 1,5 m² pro Tier bis 110 kg, was einer Steigerung von 100% gegenüber dem derzeitigen gesetzlichen Standard entspricht. Hier ist zusätzlich ein Auslauf vorgesehen.

Darüber hinaus werden strukturierte Funktionsbereiche mit Komfort- und Klimazonen eingerichtet z. B. temperierbare Liegebereiche und Aktivitätsbereiche. Zusätzlich wird den Schweinen organisches Beschäftigungsmaterial zur Verfügung gestellt und . durch die Verwendung neuer Techniken werden die Emissionen deutlich verringert.

Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit die Landwirte die Maßnahmen umsetzen können?

Die derzeitigen Rahmenbedingungen sind noch nicht durchgängig geschaffen, um Tierhaltungen zu fördern, die mehr Tierwohl z. B. durch Außenklimareiz oder Auslauf schaffen wollen. Allerdings wurden jetzt durch eine Baurechtsänderung Erleichterungen nur für Sauen- und Jungsauenhaltungen geschaffen, die nach den neuen Vorgaben der Tierschutznutztierhaltungsverordnung umbauen wollen.

Wie sich die neu gefasste TA Luft auf bauliche Maßnahmen zur Verbesserung des Tierwohls auswirkt, wird das Land NRW in einem Praxistest am 31.8./1.9.2021 herausarbeiten.

Was bewegt die Landwirte? Wie werden sie bei diesen Vorhaben (beratend, finanziell etc.) unterstützt?

Die Landwirtschaft hat erkannt, dass die Nutztierhaltung vor einem tiefgreifenden Transformationsprozess steht und sie ist bereit, diesen Weg zu gehen. Dazu müssen allerdings die Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit auch die für diese Transformation erforderlichen Um- und Neubaumaßnahmen erleichtert werden. Der Transformationsprozess muss zusätzlich durch einen Förderrahmen unterstützt werden, der den Betrieben ein angemessenes Einkommen gewährleistet.

Was plant Ihr Ministerium, um diese Strategie weiter voranzubringen?

Das Land NRW wird den Transformationsprozess im Rahmen seiner Möglichkeiten begleiten und gestalten. Bei der Gestaltung des erforderlichen Rechtsrahmens ist in erster Linie der Bundesgesetzgeber gefordert. In den hierbei erforderlichen Diskussionsprozess wird NRW sich einbringen.

Wird am Ende unser Fleisch teurer?

Höhere Tierschutz- und Umweltstandards ziehen einen größeren Aufwand in der Tierhaltung und Fleischerzeugung nach sich. Eine in diesem Sinne hohe Qualität ist nicht mit Niedrigpreisen zu erreichen. Sie muss sowohl durch den Handel als auch durch die Verbraucherinnen und Verbraucher honoriert werden.

Ihr persönlicher Ausblick für die Umsetzung der Nutztierstrategie des Landes NRW?

Der tiefgreifende Wandel, in dem sich die Nutztierhaltung befindet, bedarf einer flankierenden politischen Steuerung. Ich bin optimistisch, dass sich im Dialog der unterschiedlichen Interessengruppen Lösungen finden lassen, die zu einem ‚Mehr’ an Tierwohl führen, gleichzeitig die Belange des Umweltschutzes berücksichtigen und den Betrieben ein angemessenes Einkommen sichern.


*Im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat das Meinungsforschungsinstitut forsa von Januar bis Februar 2021 rund 1.000 Bundesbürgerinnen und -bürger ab 14 Jahren telefonisch zu ihren Ess- und Einkaufsgewohnheiten befragt – bereits zum sechsten Mal seit 2015.

**Als unverarbeitet gilt Fleisch, wenn es ausschließlich gekühlt und in Vakuum verpackt wird, um es haltbar zu machen. Es darf keinen weiteren Prozessen wie Erhitzen, Salzen, Räuchern, Reifen oder Trocknen unterzogen worden sein.

Foto: Prof. Dr. Friedhelm Jaeger (Copyright: MULNV NRW)

Beitragsfoto: © canva.com
Grafik Ernährungsreport: © BMEL
Foto Prof. Friedhelm Jaeger und Folien Nutztierhaltungsstrategie: © MULNV NRW